Schutzbedarfsfeststellung
Schutzbedarfsfeststellung nach BSI-Standard 200-2: Kategorien, Schadensszenarien, Maximumprinzip und Kumulationseffekt, mit Beispiel aus einem kleinen Betrieb.
Bei der Schutzbedarfsfeststellung klären Sie, wie schlimm es für Ihren Betrieb wäre, wenn bestimmte Informationen in falsche Hände geraten, verfälscht werden oder nicht verfügbar sind. Daraus ergibt sich, wo normale Schutzmaßnahmen genügen und wo Sie mehr tun müssen.
Die drei Fragen
- Vertraulichkeit: Was passiert, wenn Unbefugte die Daten sehen, etwa Gehaltslisten oder Kundendaten?
- Integrität: Was passiert, wenn Daten unbemerkt verändert werden, etwa Bankverbindungen auf Rechnungen?
- Verfügbarkeit: Was passiert, wenn ein System einen Tag oder eine Woche ausfällt, etwa die Auftragsbearbeitung?
Die Einstufung
Das BSI arbeitet mit drei Stufen: normal (Schaden begrenzt und überschaubar), hoch (Schaden kann beträchtlich sein) und sehr hoch (Schaden kann existenzbedrohend sein). Was in Ihrem Betrieb «beträchtlich» bedeutet, legen Sie selbst fest, zum Beispiel über Geldbeträge, Ausfallzeiten oder Folgen für Kunden.
Warum sich das lohnt
Ohne diese Bewertung schützt man entweder alles gleich stark und gibt zu viel aus, oder man schützt das Falsche. Die Schutzbedarfsfeststellung zeigt, wo Ihre «Kronjuwelen» liegen.
Der nächste Schritt
Nehmen Sie Ihre fünf wichtigsten Geschäftsabläufe und fragen Sie bei jedem: Was wäre der schlimmste realistische Schaden bei Bekanntwerden, Verfälschung und Ausfall? Diese Einschätzung macht die Geschäftsführung gemeinsam mit den Fachverantwortlichen, nicht die IT allein.
Ziel und Einordnung
Die Schutzbedarfsfeststellung ist ein Schritt der Standard-Absicherung nach BSI-Standard 200-2 (Kapitel 8.2) und folgt auf die Strukturanalyse. Ziel ist es, für die erfassten Objekte des Informationsverbunds zu entscheiden, welchen Schutzbedarf sie bezüglich Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit besitzen. Der Schutzbedarf orientiert sich an den möglichen Schäden, die bei einer Beeinträchtigung der Anwendungen und damit der Geschäftsprozesse entstehen.
Bei der Basis-Absicherung entfällt dieser Schritt zunächst. Bei der Kern-Absicherung wird er auf die besonders wichtigen Prozesse und Werte konzentriert.
Ablauf der Schutzbedarfsfeststellung
200-2 gliedert sie in folgende Schritte:
- Definition der Schutzbedarfskategorien,
- Schutzbedarfsfeststellung für Geschäftsprozesse und Anwendungen,
- Schutzbedarfsfeststellung für IT-Systeme, IoT- und ICS-Geräte,
- Schutzbedarfsfeststellung für Gebäude, Räume, Werkhallen,
- Schutzbedarfsfeststellung für Kommunikationsverbindungen,
- Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen.
Zunächst wird anhand typischer Schadensszenarien der Schutzbedarf der Geschäftsprozesse und Anwendungen bestimmt. Daraus wird der Schutzbedarf der IT-Systeme, Räume und Verbindungen abgeleitet.
Schutzbedarfskategorien
Da sich Schutzbedarf meist nicht quantifizieren lässt, nutzt der IT-Grundschutz drei qualitative Kategorien:
- normal: Die Schadensauswirkungen sind begrenzt und überschaubar.
- hoch: Die Schadensauswirkungen können beträchtlich sein.
- sehr hoch: Die Schadensauswirkungen können ein existenziell bedrohliches, katastrophales Ausmaß erreichen.
Institutionen können weitere Kategorien definieren, etwa «unkritisch» nach unten, oder für Vertraulichkeit eigene Stufen wie offen, intern, vertraulich und geheim nutzen. Dann muss festgelegt sein, welche Stufen «hoch» und «sehr hoch» entsprechen, weil davon abhängt, wofür eine Risikoanalyse nötig ist.
Schadensszenarien
200-2 ordnet mögliche Schäden typischerweise folgenden Szenarien zu:
- Verstoß gegen Gesetze, Vorschriften oder Verträge,
- Beeinträchtigung des informationellen Selbstbestimmungsrechts,
- Beeinträchtigung der persönlichen Unversehrtheit,
- Beeinträchtigung der Aufgabenerfüllung,
- negative Innen- oder Außenwirkung,
- finanzielle Auswirkungen.
Für jedes Szenario sollten die Grenzen zwischen normal, hoch und sehr hoch für den eigenen Betrieb festgelegt werden. Beispiel für finanzielle Auswirkungen: Ab welchem Betrag ist ein Schaden für Ihr Unternehmen beträchtlich, ab welchem existenzbedrohend? Diese Grenzen sind betriebsindividuell. Das BSI gibt keine allgemeingültigen Beträge vor, und eine Werkstatt wird andere Werte ansetzen als ein Ingenieurbüro.
Ableitungsregeln
Maximumprinzip
Der Schutzbedarf eines IT-Systems richtet sich in der Regel nach dem höchsten Schutzbedarf der Anwendungen, die darauf laufen. Ein Server, auf dem eine Anwendung mit hohem Vertraulichkeitsbedarf läuft, hat damit ebenfalls hohen Vertraulichkeitsbedarf. Dasselbe gilt für Räume, in denen solche Systeme oder Unterlagen stehen.
Kumulationseffekt
Mehrere kleinere Schäden können sich zu einem größeren addieren. Laufen viele Anwendungen mit normalem Verfügbarkeitsbedarf auf einem einzigen Virtualisierungsserver, kann dessen Ausfall insgesamt einen beträchtlichen Schaden verursachen. Der Schutzbedarf des Servers steigt dann auf «hoch».
Verteilungseffekt
Umgekehrt kann der Schutzbedarf sinken, wenn eine Anwendung redundant auf mehreren Systemen läuft oder nur unwesentliche Teile auf einem System verarbeitet werden. Typisch betrifft das die Verfügbarkeit.
Abhängigkeiten
Ein Geschäftsprozess hängt oft an mehreren Anwendungen, eine Anwendung an Datenbanken, Netzen und Diensten. Diese Abhängigkeiten müssen bei der Ableitung berücksichtigt werden.
Für jede Einstufung soll eine kurze Begründung dokumentiert werden, damit die Entscheidung später nachvollziehbar bleibt.
Kommunikationsverbindungen
Bei den Verbindungen geht es darum, kritische Strecken zu erkennen, etwa Verbindungen ins Internet oder zu Dienstleistern, Verbindungen, über die vertrauliche Daten übertragen werden, und Verbindungen, deren Ausfall wichtige Prozesse unterbricht. Ein Netzplan aus der Strukturanalyse ist dafür die Grundlage.
Beispiel aus einem kleinen Betrieb
Ein Steuerbüro mit acht Mitarbeitenden betrachtet seine Kanzleisoftware:
- Vertraulichkeit: sehr hoch, weil Mandantendaten und Berufsgeheimnis betroffen sind und ein Bekanntwerden das Vertrauen und die Existenz gefährden kann.
- Integrität: hoch, weil verfälschte Buchungen oder Bescheide zu Fristversäumnissen und Haftung führen können.
- Verfügbarkeit: hoch in Fristzeiten, sonst normal. Das Büro legt fest, dass ein Ausfall von mehr als einem Arbeitstag beträchtliche Folgen hat.
Nach dem Maximumprinzip erben der Server oder Cloud-Dienst, auf dem die Software läuft, und der Raum mit dem Server diesen Schutzbedarf. Weil hoher und sehr hoher Schutzbedarf vorliegt, folgt für diese Objekte später eine Risikoanalyse.
Schlussfolgerungen
Am Ende steht eine Übersicht mit dem Schutzbedarf je Objekt und Grundwert. Sie zeigt,
- wo die Standard-Anforderungen der Bausteine ausreichen (normaler Schutzbedarf),
- wo zusätzlich Anforderungen für erhöhten Schutzbedarf und eine Risikoanalyse nach BSI-Standard 200-3 nötig sind,
- welche Objekte besonders sorgfältig überwacht und gesichert werden müssen.
Praktische Hinweise
- Die Einschätzung treffen Fachverantwortliche und Geschäftsführung, die IT liefert Informationen zu Abhängigkeiten.
- Lieber wenige Objekte sauber bewerten als viele oberflächlich. Gruppen gleichartiger Objekte, etwa alle Büro-PCs, werden gemeinsam bewertet.
- Die Ergebnisse sollten mit dem Datenschutz abgeglichen werden, da personenbezogene Daten häufig hohen Vertraulichkeitsbedarf begründen.
- Bei Änderungen, etwa einer neuen Anwendung oder einem neuen Dienstleister, wird die Bewertung ergänzt.
Häufige Fragen
Was ist eine Schutzbedarfsfeststellung?
Ein Schritt des IT-Grundschutzes, in dem für Geschäftsprozesse, Anwendungen, IT-Systeme, Räume und Verbindungen bewertet wird, wie hoch der Schaden bei Verlust von Vertraulichkeit, Integrität oder Verfügbarkeit wäre.
Welche Schutzbedarfskategorien gibt es?
Der IT-Grundschutz nutzt normal, hoch und sehr hoch. Normal bedeutet begrenzte, überschaubare Schäden, hoch beträchtliche und sehr hoch existenzbedrohende Schäden.
Was ist das Maximumprinzip?
Ein IT-System oder Raum erhält den höchsten Schutzbedarf der Anwendungen oder Informationen, die dort verarbeitet werden. Kumulations- und Verteilungseffekte können die Einstufung nach oben oder unten verändern.